Interview mit Dirk Grah, Regionalleiter und Firmenkundenberater der GLS Bank Filiale Hamburg
Es gibt Sätze, die klingen wie aus einer anderen Zeit. Wachstum. Sicherheit. Kalkulierbarkeit.Die Bankwelt hat sie lange geliebt. Nun steht ein anderes Wort im Raum: Klima. Es klingt nach Zukunft. Es meint aber längst Gegenwart. Überschwemmungen treffen Häuser und Bilanzen. Dürre trifft Ernten und Preise. Später Klimaschutz trifft ganze Geschäftsmodelle.
Die Aufsicht warnt. Die Branche rechnet. Und das Publikum fragt sich: Wenn Banken Kapital lenken, warum tun so viele noch so, als sei Nachhaltigkeit eine Tagesetappe und nicht das Ziel der Reise. In einer Ausgabe über MUT und MUTE liegt darin ein hübscher Widerspruch. Denn Banken sprechen gern leise über Verantwortung. Aber sie wirken laut, sobald sie Geld bewegen.
Also geht es um eine einfache Frage.
Wie mutig ist eine Branche, die das Risiko kennt, aber beim Handeln oft auf Sicht fährt?
Darüber spricht Fabian Baumheuer (Superpeers) mit Dirk Grah, Regionalleiter und Firmenkundenberater der GLS Bank Filiale Hamburg.
Peerspektiven: Herr Grah, Banken warnen heute selbst vor Klimarisiken. BaFin und EZB tun es auch. Trotzdem wirkt die Branche selten wie ein Motor des Wandels. Eher wie ein vorsichtiger Kassierer. Täuscht der Eindruck?
Dirk Grah: Ein klares Jein. Viele Banken haben das Thema verstanden. Aber Verstehen heißt noch nicht Handeln. Der Risikoappetit ist in der Branche zurzeit sehr gering. Das hat mit Zinsen, Konjunktur, Regulierung und der geopolitischen Unsicherheit zu tun. In so einer Lage werden Institute vorsichtiger.
Peerspektiven: Vorsicht klingt vernünftig. Aber sie kann auch eine elegante Form der Vertagung sein. Wenn physische Klimarisiken wachsen und ein später Umbau der Wirtschaft noch teurer wird, ist Abwarten dann nicht selbst das größere Risiko?
Dirk Grah: Das ist der Kern des Problems. Wir würden als Branche oft gern mehr ermöglichen. Zugleich müssen wir Risiken tragen können und gesetzliche Grenzen beachten. Mut darf im Kreditgeschäft nie blind sein. Er braucht ein tragfähiges Modell. Im Moment erleben viele Häuser, dass sich Mut nicht mehr so verlässlich auszahlt wie in Phasen, in denen grüne Geschäftsmodelle mehr Rückenwind hatten.
Peerspektiven: Das klingt nüchtern. Fast zu nüchtern für eine Krise, die längst nicht mehr abstrakt ist. Der Fair Finance Guide zeigt, dass viele Banken noch weit vom 1,5-Grad-Ziel entfernt sind. Wird Nachhaltigkeit im Ernstfall also doch zu oft vertagt, sobald Rendite, Aufsicht und Unsicherheit gleichzeitig Druck machen?
Dirk Grah: Bei vielen Instituten gibt es sicher eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Für die GLS Bank gilt: Wir haben klare Anlage- und Finanzierungsgrundsätze. Wir prüfen die nachhaltige Wirkung sehr genau. Aber auch wir leben nicht außerhalb der Realität. Nicht jede gute Idee ist sofort bankfähig. Und nicht jedes politisch erwünschte Vorhaben lässt sich in eine tragfähige Finanzierung übersetzen.
Peerspektiven: Dann anders gefragt. Wo beginnt Mut in einer Bank konkret? Beim Ausschluss des Falschen? Oder bei der Finanzierung des Richtigen?
Dirk Grah: Beides gehört zusammen. Ausschlüsse schaffen Klarheit. Aber Wirkung entsteht erst, wenn Kapital in Lösungen fließt. Mut beginnt dort, wo man neue Modelle nicht reflexhaft abwehrt, sondern sauber prüft und dann auch begleitet.
Peerspektiven: Können Sie das an einem Fall festmachen?
Dirk Grah: Ja. Ein Beispiel ist “traceless” aus Hamburg. Das Unternehmen entwickelt ein Material auf Basis pflanzlicher Reststoffe als Alternative zu herkömmlichem Kunststoff. Die Finanzierung der nächsten Wachstumsschritte gelang im Zusammenspiel mehrerer Partner. Solche Konstellationen brauchen Mut, weil Technologie, Markt und Skalierung noch nicht vollständig ausbuchstabiert sind. Aber genau dort kann Bankgeschäft nützlich werden.
Peerspektiven: Das Beispiel ist stark. Zugleich ist es auch eine Art Leuchtturmprojekt. Reichen diese Leuchttürme? Oder feiert die Branche Ausnahmen, um die Regel nicht ändern zu müssen?
Dirk Grah: Der Einwand ist berechtigt. Ein einzelnes Projekt rettet kein System. Aber ohne solche Projekte lernt auch kein System. Ich glaube nicht an den großen Sprung durch eine Bank allein. Ich glaube an mehr Kooperation, mehr öffentliche Mitwirkung und klarere politische Leitplanken. Dann steigt auch der Mut im Markt.
Peerspektiven: Das wäre die höfliche Antwort. Die unhöfliche lautet: Solange Geld mit dem Alten oft leichter zu verdienen ist als mit dem Neuen, bleibt Mut ein schönes Wort für Podien. Was müsste geschehen, damit aus Haltung häufiger Handlung wird?
Dirk Grah: Wir brauchen Verlässlichkeit. Wer nachhaltige Transformation will, muss sie politisch und regulatorisch so rahmen, dass Investitionen planbar werden. Dann können Banken auch mutiger finanzieren. Solange Rahmen springen, Preise schwanken und Konflikte Unsicherheit verstärken, schalten viele auf Mute.
Peerspektiven: Vielen Dank, Herr Grah, für diesen offenen Austausch.
Dirk Grah
Geb. 5.12.1958 im Rheinland. Verheiratet. 4 Kinder, 4 Enkelkinder. Kindheit und Schulzeit in Frankfurt und Umgebung. Abitur 1978. Zivildienst im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke. Studium der VWL, Biologie und Sozialkunde in Frankfurt. Abschlüsse: Dipl. Volkswirtschaft und Gymnasiallehrer für Sek. II für Biologie, Geschichte und Sozialkunde. Referendariat in Hamburg. 1990 Beginn der Tätigkeit bei der GLS Bank. Fortbildung zum Genossenschaftlichen Bankbetriebswirt. Seit 1993 Aufbau und Leitung der GLS Bank in Hamburg. Hobbys: Bratsche spielen, im Chor singen und mit einem alten Holzsegelboot auf der Elbe segeln.
Das Interview führte Fabian Baumheuer
Als ehemaliger Werbeleiter einer großen Volksbank im Südwesten kennt er Banken auch von innen. Sein Gesprächspartner beeindruckte ihn mit seiner klaren Haltung.
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