Lauter
als
das
Gebrüll

Plädoyer für Lautstärke
im richtigen Moment

Es ist eine seltsame Zeit. Die Lautsprecher sind voll aufgedreht. Jeder ruft. Kaum jemand hört. Wer heute Haltung zeigt, steht selten in einer Debatte. Er steht oft im Hagel. Aus Worten werden Wurfgeschosse. Aus Einwänden werden Feindbilder. Da liegt ein Gedanke nahe, der verführerisch wirkt wie eine warme Decke: leiser werden, ausblenden, stumm schalten. Doch die Rechnung geht selten auf. Denn das Schweigen kühlt den Streit nicht. Es räumt nur das Feld. Und auf geräumten Feldern marschieren selten die Vernünftigen.

Das Schweigen räumt nur das Feld. Und auf geräumten Feldern marschieren selten die Vernünftigen.

Wenn Anstand auf lautlos geht

Die großen Krisen unserer Zeit leben nicht nur von Macht. Sie leben vom Wegsehen. Das gilt für die Erhitzung des Planeten. Das gilt für den Verlust von Arten. Das gilt für den Vormarsch autoritärer Politik. Wer Freiheit abbaut, beginnt selten mit einem Paukenschlag. Er beginnt mit Gewöhnung. Mit Müdigkeit. Mit dem Satz, man könne ja doch nichts machen.

Hannah Arendt hat dem Gehorsam misstraut. Das zugespitzte Diktum, das mit ihr verbunden bleibt, lautet: „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen.“ Es ist ein Satz gegen die bequeme Ausrede. Er richtet sich nicht nur an Täter. Er richtet sich auch an Zuschauer.

Denn Unfreiheit wächst dort am besten, wo viele sich innerlich schon verabschiedet haben.

Das ist die politische Seite von MUTE. Sie wirkt harmlos. Sie klingt nach Selbstschutz. In der Fläche aber wird sie gefährlich. Der Schriftsteller, Hochschullehrer und Publizist Elie Wiesel hat das in seiner Nobelpreisrede scharf gefasst: „Neutrality helps the oppressor, never the victim. Silence encourages the tormentor, never the tormented.“ („Neutralität hilft dem Unterdrücker, niemals dem Opfer. Schweigen ermutigt den Peiniger, niemals den Gepeinigten.“) Schweigen ist eben nicht immer friedlich. Es kann Macht verstärken.

Ausgabe 2 02 Lauter

Warum selbst Mutige verstummen

Das Problem ist nur: Wer heute spricht, bezahlt oft sofort. Die digitalen Plätze belohnen nicht das beste Argument. Sie belohnen Tempo, Empörung und Lagerinstinkt. Wer einen Gedanken wagt, bekommt selten eine Prüfung des Gedankens. Er bekommt Etiketten. Dann kommen Unterstellungen. Dann der Angriff auf die Person.

Man muss das nicht tapfer finden. Man darf es zermürbend finden. Viele vernünftige Menschen ziehen sich nicht zurück, weil ihnen Haltung fehlt. Sie ziehen sich zurück, weil der öffentliche Raum ihnen wie eine Kneipe vorkommt, in der nur noch gebrüllt wird. Das ist kein individueller Defekt. Es ist ein kultureller Schaden.

Darum ist nicht jedes Schweigen Feigheit. Manchmal ist es Disziplin. Manchmal ist es Würde. Manchmal ist es die Weigerung, sich vom Lärm das Denken ruinieren zu lassen. Die amerikanische Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde hat den entscheidenden Zusatz geliefert. In ihrem Gedicht „A Litany for Survival“ schreibt sie: „but when we are silent / we are still afraid / So it is better to speak“ („Aber wenn wir schweigen, haben wir trotzdem Angst. Deshalb ist es besser, zu sprechen.“).

Erst das macht den Punkt klar. Schweigen schützt nicht. Es verschiebt die Angst nur nach innen.

Manchmal ist Schweigen die Weigerung, sich vom Lärm das Denken ruinieren zu lassen.

Was jetzt Mut heißt

Mut muss deshalb nicht immer lauter sein. Aber er muss wirksamer werden. Nicht jeder muss auf jede Provokation antworten. Nicht jede Timeline ist ein Ort der Aufklärung. Wer Haltung zeigt, darf Form und Forum wählen. Das kluge Gespräch im Team kann mutiger sein als der schnelle Post. Der Widerspruch im Meeting kann mehr verändern als der moralische Monolog im Netz. Die saubere Recherche kann mehr bewirken als der schrille Auftritt.

Gerade für Organisationen, Unternehmen und ihre Verantwortlichen liegt darin eine Pflicht. Wer Reichweite, Mittel und Einfluss hat, kann sich das unpolitische Gesicht nicht mehr glaubhaft leisten. Es geht nicht um Parteiparolen. Es geht um Grundfragen des Zusammenlebens: Wahrheit oder Lüge. Offenheit oder Abschottung. Zukunft oder Raubbau. Der Weltklimarat beschreibt die Folgen der Erderwärmung als weitreichend und die Risiken als mit jedem weiteren Anstieg wachsend (IPCC, Climate Change 2023: Synthesis Report). Die Menschenrechtsorganisation Freedom House meldet seit Jahren Rückschritte bei politischen Rechten und bürgerlichen Freiheiten. Die Diagnose ist also nicht pathetisch. Sie ist dokumentiert.

Was folgt daraus? Erstens: weniger Lärm, mehr Standpunkt. Zweitens: weniger Pose, mehr Risiko. Drittens: weniger bequemes Mitschwimmen. Wer heute Mut zeigt, muss nicht dauernd senden. Aber er darf im entscheidenden Moment nicht auf MUTE stehen.

Wer heute Mut zeigt, darf im entscheidenden Moment nicht auf MUTE stehen.

Am Ende bleibt eine schlichte Einsicht. Die Zukunft kippt selten an einem einzigen Schrei. Sie kippt, wenn zu viele Anständige ihre Stimme für entbehrlich halten. Die Brüllenden sind nicht deshalb so mächtig, weil sie recht haben. Sie sind so mächtig, weil andere ihnen zu lange das Mikrofon überlassen. Es wird Zeit, den Ton nicht überall aufzudrehen. Aber dort, wo Freiheit, Würde und Lebensgrundlagen angegriffen werden, muss er hörbar sein.

Empörung allein führt nicht zum Handeln

Radikale Social-Media-Beiträge erzeugen tendenziell eher Abstoßungsreaktionen und reduzieren die Motivation, an kollektiven Aktionen teilzunehmen. Das mussten nicht nur die Aktivistinnen und Aktivisten von der „Letzten Generation“ oder „Extinction Rebellion“ erleben – es belegt auch eine Studie von Forschenden um Ariadne Neureiter von der Universität Wien mit 776 jungen Menschen aus Deutschland (im Fachjournal Current Research in Ecological and Social Psychology veröffentlicht): In moderatem Ton für Klimaschutz oder andere Anliegen einzustehen, sei laut der Studie wirkungsvoller. Mut wirkt dort, wo Haltung Menschen zum Handeln führt, statt sie ins Schweigen zu treiben. Dies steht jedoch im Widerspruch zur Funktionsweise der Aufmerksamkeitsmechanismen in sozialen Medien.

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Wer hier schreibt

Fabian Baumheuer ist  Gründungsmitglied von Superpeers eG, Strategie- und Kommunikationsberater. Er berät nicht nur, sondern entwickelt Inhalte und Formate auch selbst – konzeptionell, redaktionell und visuell. Sein Credo als Berater: Weniger Blabla. Mehr Wirkung.