Über das Schweigen

Ein Kommentar

Angesichts der unentwegt auf mannigfaltigen Kanälen vor sich hin plappernden Welt schwebt vor meinem inneren Auge immer häufiger, wie auf einem der gerade extrem angesagten und nahezu omnipräsenten Marquee-Laufbänder, der Satz vorbei:
„Es ist keine Schande zu schweigen, wenn man nichts zu sagen hat.“

Das ist ein Satz, der sich mir vor langer Zeit ins Gedächtnis gebrannt hat. Möglicherweise auch deshalb so tief, weil ich aus einer Familie komme, in der Gesprächspausen hochexplosiv zu sein scheinen und darum auf keinen Fall mehr als drei Sekunden andauern dürfen. Hauptsache Geräusch. Hauptsache Reden.

In neuzeitlicher Lesart enthält die Aussage natürlich einige Schwächen. Allein das Wort Schande sorgt für unerfreuliche Gänsehaut. Es kommt noch schlimmer, denn wie wir alle wissen, werden die kleinen Worte „kein“ und „nicht“ gern ignoriert. Was bleibt dann? Eben. In Zeiten wohlwollender Ausdrucksweise und gefühlter Dauerbewertung scheint etwas mehr Statement-Positivity unerlässlich.

Auch dieses „nichts zu sagen haben“.
Heißt das „will nicht“, „weiß nicht“, „alles schon gesagt“ oder was?

Ist es überhaupt zulässig, dass Meinungsfreiheit auch Meinungsfrei-Heit ist?

Hier liegt einer der wunden Punkte. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Sprechen gleichbedeutend ist mit Teilhabe.

Wer nichts sagt, verschwindet.

Bild 3 Verblasste urbane Reflexionen im Fenster

Besonders im beruflichen Kontext gilt zunehmend: Wer nicht sichtbar ist, existiert nicht. Und seit Maschinen zuverlässig Antworten liefern, wächst der Druck, ebenfalls ständig etwas beizutragen. Originell, klug und bitte sofort.

Gleichzeitig fordern wir zu Recht mehr Zivilcourage.
Mehr Einmischen.
Mehr Haltung.

Wenn es um Fairness, Würde und gesellschaftliches Miteinander geht, sollte Schweigen keine Option sein.

Dann braucht es den Mut zum Un-Muten, um dem Unmut mutig Freilauf zu geben.
Auch, wenn es unbequem ist.

Hier verläuft die eigentliche Trennlinie.
Nicht zwischen Reden und Schweigen.
Sondern zwischen reflexhaftem und bewusstem Sprechen.

Denn auch Schweigen ist eine Entscheidung, ein aktiver Akt.

Vielleicht ist Schweigen die große Schwester des Zuhörens. Des wirklichen Zuhörens.
Hinhören. Verstehen. Aushalten. Durchdringen.

Ruhige Gedanken bei einem Kaffee

Schwierig wird es damit nur, wenn sich die aufmerksam schweigende Person Plapperern gegenüber sieht, deren Wortströme sich endlos um sich selbst drehen, unaufhörlich weiter fließen und einfach nicht versiegen wollen.

Da wäre dann der Mut befreiend, im grämelig-nasalen Singsang eines Wieners schlicht zu sagen: „Ach halt di Pappn“.
Und dann die Stille zu genießen.

Denk-Freiraum.
Auch im Gespräch.
Manchmal braucht es in unserer pausenlos sendenden Welt den Mut, das auszuhalten.

Mut zum Mute.
Mut zum Un-Mute.
An den passenden Stellen.

Es ist keine Schande zu schweigen

wenn man nichts zu sagen hat

Maria Busik 1x1

Wer hier schreibt

Maria Busik überlegt, gestaltet und baut Sachen. Zum Beispiel Website-Sachen und Druck-Sachen. In ihrem zweiten Leben liest sie alles, was nicht rechtzeitig wegspringt. Auch Handbücher.