Manufaktur der Stille

MycoLutions

Wer wissen möchte, wie aus einem chinesischen Heilpilz und Rapsstroh High-End Schallabsorber werden, muss sich in Richtung Bremen aufmachen. In einem kleinen Ort hinter Lauenbrück liegt die kleine Manufaktur von MycoLutions. Dominik Neubauer (Superpeers) hat dort Helge Schritt getroffen.

Helge Schritt in seinem Büro
Helge Schritt, einer der drei Gründer von MycoLutions.

Mut zur Stille oder
Musiker, die Schallabsorber wachsen lassen.

Es ist kein Zufall, dass die drei Gründer von MycoLutions, Helge Schritt, David Gradl und Thies Lingner, schon seit vielen Jahren in einer Band zusammenspielen. Kennengelernt haben sie sich an der Hamburger HAW. Einer der drei, Helge Schritt, bekam im Masterstudium Nachhaltigkeitswissenschaft an der Lüneburger Leuphana von Prof. Dr. Braungart die Aufgabe, gemeinsam mit einer Gruppe von Studierenden ein “Cradle-to-Cradle Produkt” zu entwickeln. Hierbei entdeckten sie das Potenzial von Pilzmycel als natürliches Bindemittel. Von da an war es nicht mehr weit zur Wärmedämmung und schließlich zum Schallabsorber.

„Eierkartons an der Decke haben praktisch keinen Effekt auf die Schallentwicklung in einem Proberaum“, sagt der Drummer der Band, Helge Schritt. Ganz anders verhält es sich mit einem Dämmstoff, den das Pilzmycel aus gehäckseltem Stroh erzeugt. Nach nur einer Woche hat der Pilz das Stroh zu einer extrem stabilen und dennoch leichten Struktur verwandelt, das einen Großteil der auftreffenden Hoch- und Mitteltöne absorbiert. Aus dieser Idee entstand die Masterarbeit von Helge Schritt und der frischgebackene Absolvent konnte seine Bandkollegen und Kommilitonen David Gradl und Thies Lingner von dem Plan begeistern, MycoLutions zu gründen.

Cradle-to-Cradle Prinzip: Das Prinzip der Kreislaufwirtschaft wurde Ende des letzten Jahrhunderts entwickelt und ist spätestens mit dem 2002 erschienenen Buch „Cradle to Cradle: Remaking the Way We Make Things“ eine feste Größe in Industrie und Bauwirtschaft. Die beiden Autoren, der Chemiker Prof. Dr. Michael Braungart (zuletzt Leuphana Lüneburg) und der Architekt William McDonough, setzen sich hier mit dem hohen Verbrauch von Ressourcen auseinander. Ihre Maximen „reduce, reuse und reycycle“ leiteten einen Paradigmenwechsel ein, weg vom derzeit vorherrschenden Cradle-to-Grave Prinzip und hin zu mehr Nachhaltigkeit.

Start im Hochbunker.

Die drei bauten ihre Pilotanlage in dem Kultur-Energiebunker (KEBAP) in Hamburg Altona, gefördert durch Mittel aus dem EXIST Gründerprogramm. Das Substrat mit dem Pilz bezogen sie von Pilzgarten, dem Hersteller für Edelpilze aus der Nähe von Lauenbrück. „Wir hatten großes Glück, dass wir nach der Förderung von EXIST durch das IFB Programm InnoRampUp eine Anschlussförderung für unser Projekt bekamen. Aber die Zeit, die die Akquisition von Geldern verschlingt, hätten wir gerne in unser Produkt gesteckt“, sagt Helge Schritt. Die guten Kontakte zu Pilzgarten zahlten sich aus, so dass sie die Produktion nach Helvesiek auf das Gelände der Edelpilzproduzenten verlegten. Von Pilzgarten beziehen sie weiterhin das Pilzsubstrat vom Reishi Pilz, der seine Bekanntheit vor allem der Traditionellen Chinesischen Medizin verdankt. Der Pilz gilt als wirkmächtige Medizin für ein langes Leben, MycoLutions hat das gute Karma also schon im Substrat.

Der Reishi Pilz gilt als wirkmächtige Medizin für ein langes Leben, MycoLutions hat das gute Karma also schon im Substrat.

„Das Know-how ist unser USP.“

Das Substrat aus Reishi und Rapsstroh wird in eine Form gegeben, in der der Pilz wächst und das Stroh in sein dichtes Mycel einwebt. Nach etwa einer Woche wird das Wachstum des Pilzes durch Erhitzen gestoppt. Der Pilz kann nicht weiterwachsen oder gar Sporen bilden. In diesem Prozess steckt eine jahrelange Entwicklung, jede Menge Handarbeit und viel Präzision. Erst so hält man am Ende einen ästhetisch ansprechenden und hoch effektiven Schallabsorber in der Hand.

„Die Verfahrenstechnik und die Prozesssteuerung sind das, was uns auszeichnet,“ so Schritt. „Unser eigentlicher USP ist es, diesen Prozess so aufzusetzen, dass wir genau das Ergebnis erhalten, das wir uns vorstellen.“ Und angesichts der vielen Parameter wie Pilzsorte, Beschaffenheit des Substrats, Wachstumszeitraum, Temperatur und Luftfeuchtigkeit ist das eine Wissenschaft für sich.

Diese wird noch mal faszinierender, wenn man ein Paneel in der Hand hält, dessen Oberfläche sich wie samtig-weiches Alcantara anfühlt. Und noch beeindruckender, wenn man weiß, dass es 80% des eintreffenden Schalls schluckt.

MycoLution Schallabsorber
Die MycoLution Schallabsorber mit der markanten Welle hängen auch im Proberaum der Band in Hamburg-Wilhelmsburg.

Nach der Energiewende kommt die Materialwende.

Helge Schritt und seine Mitstreiter haben in drei Jahren eine sehr erfolgreiche Manufaktur für Akustik-Design-Produkte aufgebaut.

„Ich fand die Preise, die wir für eine kostendeckende Produktion verlangen müssen, erst einmal sehr ambitioniert. Aber wir haben schnell gemerkt, dass wir damit lediglich im Mittelfeld liegen“, sagt Helge Schritt. „Wir entwickeln mit großer Leidenschaft Schallabsorber. Aber mit der Nische ‘Akustik-Design’ wollen wir uns nicht zufriedengeben, auch wenn unser Produkt das nachhaltigste ist, das man derzeit kaufen kann.”

Denn MycoLutions hat größere Ziele. “Derzeit reden alle von der Energiewende. Worüber wir uns aber auch mal unterhalten sollten, ist die Materialwende.“ Denn der Bau und der Betrieb von Gebäuden sind bedeutende Treiber des Klimawandels. Die Entwicklung von Materialien für den Bau, die CO2 einsparen oder sogar CO2 neutral sind, ist also dringend geboten.

Derzeit reden alle von der Energiewende. Wir sollten uns aber auch mal über die Materialwende unterhalten.
Helge Schritt

Da kommt MycoLutions mit seinen CO2-armen Produkten ins Spiel. Solche Baustoffe sind gefragt. “Wir können uns unser Produkt zum Beispiel gut in der Deckengestaltung von Schulen vorstellen, bei denen schadstoffarme, hocheffiziente Materialien gefragt sind, die ein gutes Raumklima schaffen,” sagt Helge Schritt. “Für unsere Produkte spricht auch eine besonders niedrige Entflammbarkeit. Darauf haben wir sogar ein Patent.”

Die Materialwende in der Bauwirtschaft: Weltweit wird alle fünf Tage eine Stadt mit der Größe von Paris gebaut! Es überrascht also nicht, dass der Bau ein wichtiger Punkt beim Kampf gegen den Klimawandel ist. Allein in Deutschland wurden 2022 etwa 32,9 Millionen Tonnen Zement produziert, was einem Ausstoß von 18,8 Millionen Tonnen CO₂ und etwa 10% der Industrieemissionen entspricht. Gefragt sind also eine alternative klimafreundliche Produktion und eine konsequente Kreislaufwirtschaft. Es braucht viel mehr nachwachsende Rohstoffe wie Holz, Kork und Stroh. Und damit kommt auch das Pilzmycel ins Spiel.

Von der Manufaktur zur Produktion im industriellen Maßstab.

Helge Schritt und David Gradl haben im Rahmen der Förderprogramme auch viel Marketing Know-how erhalten und wissen daher, wie man eine wirtschaftlich erfolgreiche Produktion aufsetzt. Aktuell vertreibt MycoLutions 20% seiner Produktion selbst. Der Löwenanteil geht in die Produktion von White Label Produkten – in Kooperation mit anderen Anbietern. Das senkt zwar die Marge, schafft aber die Kapazitäten für die Optimierung der Produktion.

“Ich finde es cool, dass die White Label Produktion eine Produktion in viel größerer Dimension ermöglicht. Dadurch können wir weiter an der Verfahrenstechnik arbeiten.” Aktuell plant Mycolutions eine eine Verdreifachung der Produktion. “Wir schätzen die Kooperation mit anderen Anbietern sehr“, sagt Helge Schritt. “Sie erlaubt uns, unsere Produktion in aller Ruhe hochzuskalieren. Denn wir können uns sehr gut vorstellen, dass man unsere Schallabsorber bald einmal im Baumarkt kaufen kann.“

Dominik neubauer

Wer hier schreibt

Dominik Neubauer ist seit 2011 freier Texter und Konzeptioner in Hamburg und seit sieben Jahren bei den Superpeers. Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Nachhaltigkeit, Gesundheitsthemen sowie Unternehmen im sozialen Bereich.